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Der Reigen

Arthur Schnitzler

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„Geschrieben habe ich den ganzen Winter über nichts als eine Scenenreihe, die vollkommen undruckbar ist, die literarisch auch nicht viel heißt, aber, nach ein paar hundert Jahren ausgegraben, einen Teil unserer Cultur eigentümlich beleuchten würde.“*Arthur Schnitzlers Kommentar zu seinem Werk Der Reigen, zu finden in einem Brief an Olga Waissnix aus dem Jahre 1897, deuten bereits an, welche Haltung der Autor zu diesem Werk einnam. Schnitzler war, auch nach der Erstveröffentlichung 1903, von der Unmöglichkeit einer Aufführung überzeugt. Bis zu dem Erscheinen des Werkes auf dem Buchmarkt wurden 1900 bereits 200 Exemplare privat gedruckt und verbreitet.
Im Jahre 1931 übernahm der S. Fischer-Verlag die Publikation des Werkes. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich bereits rund 100 000 Exemplare im Umlauf.

Es ist hierbei davon auszugehen, dass die Popularität des Buches sich nicht einzig auf die Thematik an sich zurückführen lässt. Denn mit dem oben genannten Urteil behält Schnitzler nur teilweise Recht. Sein Reigen kann sehrwohl als ein literarisch wertvolles Werk angesehen werden.
Menschliche Verhaltensmuster werden im Laufe des Stückes auf eine Art durchschaubar gemacht, welche auf einer hohen Sensiblilität für die Sprache beruht. Nicht nur die szenischen Abläufe der zehn Dialoge zeigen die ständig wiederkehrenden Muster auf, sondern auch die Sprache an sich. Schnitzler bewegt sich hierbei zwischen derben Dialektjargon, bis hin in die aristokratischen Sphären menschlicher Ausdrucksformen. Und doch zeigt sich die Ähnlichkeit verschiedener Gesellschaftsschichten, wenn es darum geht, sich mit dem Gesprächspartner sexuell zu vereinigen. Auch stellt die Sprache der Figuren dar, auf welch unterschiedliche Weise eine Person in zwei unterschiedlich angelegten Szenen, sich also in einer anderen gesellschaftlichen Konstellation, anders auszudrücken vermag. Das Ich an sich verliert dann an Kontur, löst sich auf. Jede Szene läuft auf den Geschlechtsakt hinaus. Schnitzler bedient sich hierbei der gesamten Klaviatur gesellschaftlicher Schichten.

BildDoch auch wenn Schnitzler durch eine Reihe an Erwähnungen und Regieanweisungen den Ort des Geschehens in das Wien des neunzehnten Jahrhunderts legt, wirkt die Szenenfolge auch heute noch wie ein Spiegel der menschlichen Verhaltensmechanismen, die in unserer Gesellschaft ebenso zu verorten sind, wie in der von Schnitzler gezeigten Wiener Milleus.

Es kann somit nicht verwundern, den Reigen auf die Bühne bringen zu wollen. Das Gemeinschaftsprojekt der drei Theatergruppen des KIT, bestehend aus dem Physikertheater, Unitheater und dem Geistsoz-Theater, (kurz: Triater) nimmt sich dieser Herausvorderung an. Dieses Unterfangen ist heutzutage weniger wiederstandsloser als es noch vor 93 Jahren war.Am fünften November 1921 wurde eine Verhandlung um Arthur Schnitzlers Reigen eröffnet. Die Schauspieler des kleinen Schauspielhauses in Charlottenburg wurden angeklagt „durch unzüchtige Handlungen öffentliches Aergernis gegeben zu haben“²
Der Bericht des Verfahrens offenbart Vieles. Nicht nur die offenkundig antisemitische, wie nationalistische Gesinnung eines großen Teils der Gesellschaft, welcher auf der Seite der Anklage zu verorten war, sondern auch welchen Anspruch der Text an dienjenigen, welche ihn auf die Bühne bringen, sowie an die Rezipienten stellt.

Die Reigen-Produktion des Triaters nimmt sich dieser Herausforderung mit viel Elan an und bringt mit der Darstellung der zehn Episoden, welche dem Zuschauer eine Bandbreite verschiedenartiger Atmosphären und Milieudarstellungen bieten. Der Sexualakt auf den jede der Szenen hinausläuft, also als unausweichliches Element ist in seiner Ausdrucksform der Stimmung jeder Szene angepasst und stellt den Höhepunkt jedes Zusammentreffens zweier Menschen dar.

Und eins kann dabei versprochen werden: Langeweile kommt bei dem Spiel um Lust und Ernüchterung garantiert nicht auf!

* - Arthur Schnitzler in einem Brief an Olga Waissnix vom 26. Februar 1897. In: Arthur Schnitzler: Briefe 1875-1912, hrsg. v. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler, Frankfurt Main 1981, S. 314.

** - Der Kampf um den Reigen. Vollständiger Bericht über die Verhandlung gegen Direktion und Darsteller des Kleinen Schauspielhauses Berlin, Berlin 1922, S. 20.